Chronisch krank, nicht chronisch dumm - Und plötzlich war ich das Problem.
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text veröffentlichen soll. Aber ich glaube, er ist wichtig – nicht nur für mich, sondern für viele Menschen, die mit ähnlichen Situationen kämpfen: mit Krankheit, mit Missverständnissen, mit der Arroganz Gesunder.
Ich versuche immer, in meiner „schönen Welt-Bubble“ zu leben. Ohne viel Gegenwind, ohne große emotionale Belastungen. Aber dieses Wochenende hat meine Nachbarin beschlossen, das zu ändern.
Es begann am Freitagmorgen. Ich bekam mehrere WhatsApp-Nachrichten von ihr: Bilder aus ihrem Garten, Erklärungen zu Pflanzen. Ich habe mich ehrlich darüber gefreut. Sie ist die Einzige in der Nachbarschaft, die ebenfalls einen naturnahen Garten pflegt. Noch im Bett liegend schrieb ich zurück, begeistert von den neuen Infos. Dann plötzlich klingelte es an der Tür. Es war 8:40 Uhr an einem Brückentag. Unsere Rollläden waren alle noch unten. Ihre Antwort auf meine Frage, ob sie geklingelt habe, war ein simples „Ja“.
Damals dachte ich nicht weiter darüber nach. Jetzt im Nachhinein empfinde ich es als respektlos. Auch wenn ich schon wach war, leben hier noch andere Menschen, die ausschlafen wollen. An einem Feiertagsmorgen zu klingeln, obwohl sichtbar niemand auf ist – dafür muss man schon ziemlich gedankenlos sein.
Ich habe es trotzdem genutzt und bin aufgestanden. Nach einem Cappuccino und einer kleinen Hunderunde bin ich zu ihr rübergegangen, um mir ihren Garten live anzuschauen. Sie redet gern über ihre Pflanzen, und ich höre gerne zu. Danach sind wir auch noch durch meinen Garten gegangen. Obwohl es ihr hier offensichtlich nicht gefällt, sagt sie zumindest nichts Negatives. Dabei ist klar: Einen perfekten englischen Garten in einen naturnahen umzuwandeln braucht Zeit. Ich hatte bisher nur zwei Sommer dafür. Ich liebe jeden kleinen Fortschritt und zeige ihn auch voller Stolz.
Dann erzählte sie mir von ihrem Sohn, der Long Covid hat, und dass er dieses Wochenende einen Triathlon laufen wird. Sie sagte, dass er vermutlich nicht mehr am Leben wäre, wenn er diesen Extremsport nicht machen würde.
Ich selbst bin leicht übergewichtig und durch eine chronische Erkrankung nicht in der Lage, Sport zu treiben. Das weiß sie. Sie weiß, dass ich berentet bin und oft nicht mal aufstehen kann. Ich habe es ihr mehrfach gesagt. Ob es bei ihr angekommen ist, kann ich nicht beurteilen.
Nach unserem Gespräch ging sie nach Hause. Kurze Zeit später erhielt ich eine Nachricht mit einem Video von ihrem joggenden Sohn. Dazu ein YouTube-Link, der wohl das Thema Laufen behandelt. Ich habe es mir nicht angesehen. Joggen ist für mich keine Option. Die körperliche Belastung ist zu groß, und durch das sogenannte „Runner’s High“ wäre das Risiko für mich, in eine Hypomanie zu geraten, zu hoch. Ich habe gelernt, nichts zu tun, was mich körperlich oder emotional stark belastet oder auslaugt.
Weitere Nachrichten folgten.
Weil ich weiß, dass es für sie schwer ist zu verstehen, dass nicht jeder Mensch so tickt wie sie, habe ich geantwortet. Freundlich, ruhig, aber mit klarer Botschaft: Ich bin krank. Ich bin froh, überhaupt zu leben. Alles andere ist im Moment nicht wichtig. Eine Botschaft, die man eigentlich nicht missverstehen kann. Dachte ich zumindest.
Ich erwartete eine Reaktion wie: „Okay, verstehe ich. War nur gut gemeint.“ Stattdessen kam ein ganzer Schwall weiterer Nachrichten.
Ich war geschockt. Emotional total getroffen. Ich habe geweint. Denn für mich sagte sie in all diesen Worten im Grunde: Du bist dick, faul, isst nur Mist, bemitleidest dich selbst und gehst nicht vernünftig mit deinen Hunden um. Diese Aussagen waren nicht direkt, aber unterschwellig und auf eine Weise verpackt, die keinen Zweifel ließ.
Ich habe nicht mehr geantwortet. Ich wollte, aber ich wusste: Es wäre nur eine Rechtfertigung geworden. Und das will ich nicht. Vor allem nicht, weil sie es bewusst verallgemeinert hat. Vermutlich, um sich selbst den Spiegel nicht vorhalten zu müssen.
Jetzt sitze ich hier und denke nach. Ich kriege es nicht aus meinem Kopf. Ich würde ihr gern sagen, was sie mit diesen Worten in mir ausgelöst hat. Ich würde ihr gern sagen, wie grenzüberschreitend und überheblich das war. Ich würde ihr gern sagen, dass ich täglich meditiere, summe, um mein Nervensystem zu regulieren, und dass ich vermutlich genauso viel über Atmung weiß wie sie. Ich würde ihr gern sagen, dass ihr Schubladendenken fehl am Platz ist, dass sie engstirnig ist und dass die Welt größer ist als ihr Horizont.
Aber ich werde nichts sagen. Weil ich weiß, dass es nichts ändern würde. Sie würde es nicht verstehen. Sie würde sich weiterhin als diejenige fühlen, die alles weiß. Und das ist das eigentlich Traurige.
Am meisten trifft mich, dass ich vermutlich die Einzige in der Nachbarschaft war, die noch mit ihr gesprochen hat. Alle anderen meiden sie. Und ich frage mich: Warum denken Menschen, die von allen gemieden werden, nie darüber nach, ob das vielleicht auch an ihnen selbst liegen könnte?
Reflexion: Ich schreibe das hier nicht, um jemanden schlechtzumachen. Ich schreibe es, weil ich fassungslos bin, wie oft Menschen die Grenzen anderer überschreiten, ohne es zu merken – oder schlimmer: ohne es überhaupt als Problem zu erkennen. Nur weil jemand anders lebt, anders denkt, anders kämpft, ist das kein Grund, sich über ihn zu stellen.
Diese Welt ist bunt. Nicht jeder braucht einen Triathlon, um zu überleben. Manche brauchen einfach nur ein bisschen Ruhe, einen Garten, zwei Hunde und die Erlaubnis, einfach zu sein.
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Menschen retten zu wollen, die nie in Not waren – und stattdessen lernen zuzuhören, wenn jemand leise sagt: „Ich lebe. Das reicht.“
Was ich mir wünsche:
Nicht Hass. Nicht Rache. Sondern mehr Zuhören. Mehr Demut. Und weniger „Ich weiß alles“-Getue.
Ich wünsche mir, dass Menschen aufhören, sich über andere zu erheben, nur weil sie gerade mehr Energie haben oder einen anderen Weg gehen. Dass sie nicht automatisch davon ausgehen, ihr Rezept fürs Leben sei allgemeingültig. Manchmal ist Zuhören das Größte, was man jemandem schenken kann. Und manchmal ist das mutigste, was ein Mensch tun kann, einfach weiterzumachen – in seinem Tempo, auf seine Weise, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen. Ich brauche keine Trainerin, keinen Coach, keinen Ratgeber. Ich brauche Respekt. Und zwar den echten. Nicht die Variante mit einem Lächeln, hinter dem ein „Du musst nur wollen“ lauert.
